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Dienstag, 11. Oktober 2011

Nicht müde werden

Du bist stark
sagen sie
Du hast viel Kraft
sagen sie
auf der Suche
nach meiner Stärke und Kraft
begegnete ich
meiner Angst und Verwirrung
meinem Neid und Hass
meiner Armut und Verzweiflung
meinen Tränen und Wunden
vergeblich suchte ich nach
meiner Stärke und Kraft
da setzte ich mich zu
meiner Angst und Verwirrung
meinem Neid und Hass
meiner Armut und Verzweiflung
meinen Wunden und Tränen
und versuchte sie
anzusehen und
hineinzuspüren und
auszuhalten und
zu verstehen
und manchmal zeigte ich
ein wenig von
meiner Angst oder Verwirrung
meinem Neid oder Hass
ich sprach von meiner Armut oder Verzweiflung
meinen Wunden oder Tränen
du bist stark
wiederholten sie
du hast viel Kraft
wiederholten sie
und ganz langsam
fing ich an zu begreifen

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise wie einem Vogel
die Hand hinhalten.


(Hilde Domin)

Hoffnung



Was tun wenn die Nacht
sich dir in die Arme wirft
Sturm sich in ihre
Arme wirft
Leere
weit wie die Welt


Weltweites Auge aller Sterne
geschlossen
Wind hält in Atem
die Nacht

Halte den Atem an
bis die Nacht
dich in die Arme legt
dem Morgen


(Rose Ausländer)

Sonntag, 9. Oktober 2011

 dann müssen wir
mehr als die anderen
den boden unter den füssen fühlen
während wir gehen
diesen kurzen boden
von morgen zu abend

wir müssen dünne sohlen tragen
oder barfuss gehen
was wir berühren
mit leichtem finger berühren
mit wachen fingerspitzen
nicht achtlos

jedes mal ist das letzte
oder könnte es sein
wir tun es für alle die vor uns waren
und für alle die nach uns
es nicht tun
oder ganz anders

(hilde domin)

Samstag, 8. Oktober 2011


Immer ein Stück
sich selbst voraus sein
auf den Wegen voran
Wandlungen begegnen
wie Freunden
Veränderungen begrüßen
wie den Wandel der Jahreszeiten
dem Rhythmus
dem Kreis nachspüren
dem Lauf der Flüsse ins Meer

(Annemarie Schnitt )

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Am Ende meines Weges


Am Ende meines Weges ist ein tiefes Tal.

Ich werde nicht weiter wissen.

Ich werde mich niedersetzen und

verzweifelt sein.


Ein Vogel wird kommen und über das Tal

fliegen, und ich werde wünschen,

ein Vogel zu sein.


Eine Blume wird leuchten jenseits

des Abgrundes, und ich werde wünschen,

eine Blume zu sein.


Eine Wolke wird über den Himmel ziehen,

und ich werde eine Wolke sein wollen.


Ich werde mich selbst vergessen.

Dann wird mein Herz leicht werden

wie eine Feder, zart wie eine Margerite,

durchsichtig wie der Himmel.


Und wenn ich dann aufblicke,

wird das Tal nur ein kleiner Sprung sein

zwischen Zeit und Ewigkeit.


Indianische Weisheit

Mittwoch, 5. Oktober 2011


Wenn wir genau hinsehen

gehen Lichtlinien

durch die Finsternisse

und das Schweigen


unseres Lebens

Und gelegentlich

sammelt sich das Licht

zu kleinen Lichtpfützen


auf denen es möglich ist

zu segeln

in das alltäglich Leben hinein

oder aus ihm fort

in die Welten

die es noch zu entdecken gibt


(U. Schaffer)

Dienstag, 4. Oktober 2011



Ich sammle
meine Verluste
in einer Schale
sie blühen schwarz
wie Mohnduft
in mein Niemandsland.

(Rose Ausländer)

Montag, 3. Oktober 2011


Es gibt ein Gesetz im Leben,
dass, wenn sich eine Tür schließt,
eine andere sich auftut.
Wenn aber die Türen

durch die wir im Leben gegangen sind,
sich schließen, eine nach der anderen,
dann lösen sich die Wände vor unseren Augen auf,
und die Welt wird gross.
Das Licht einer anderen Wirklichkeit liegt über ihr,
und unser Weg fängt noch einmal an.

(Jörg Zink)

Sonntag, 2. Oktober 2011

 
wer, wenn nicht diejenigen unter ihnen,
die ein schweres los getroffen hat,
könnte besser bezeugen,
dass unsere kraft weiter reicht als unser unglück,
dass man, um vieles beraubt,
sich zu erheben weiss
dass man enttäuscht,
und das heisst,
ohne täuschung
zu leben vermag
 
(Ingeborg Bachmann)

Samstag, 1. Oktober 2011

"Und manchmal, während wir so schmerzhaft reifen, dass wir beinahe daran sterben, erhebt sich aus allem, was wir nicht begreifen, ein Gesicht und sieht uns strahlend an."

(Rainer Maria Rilke)

Donnerstag, 29. September 2011


Nimm deinen Segen nicht von mir
Laß deine Hände liegen
Und deine Liebe und bleib hier
Wenn alle Vögel fliegen.

Und wenn du in der Tür schon stehst
Dann komm noch einmal wieder
Und hör mich an, bevor du gehst
Und höre meine Lieder.

Leg deine Hand auf mein Gesicht
So, dass mich niemand sieht
Dann, Liebster, fürchte ich mich nicht
Vor allem, was uns blüht.

Nimm deinen Segen nicht von mir
Laß deine Hände liegen
Und deine Liebe und bleib hier
Wenn alle Vögel fliegen.

(Bettina Wegner)

September Song


Oh, its a long, long while

from May to December,

But the days grow short

when you reach September.


When the autumn weather

turns the leaves to flame

one hasn't got time

for the waiting game.


Oh the days dwindle down

to a precious few

September

November


And these few precious days

I'll spend with you.

These precious days

I'll spend with you.

Mittwoch, 28. September 2011

Dienstag, 27. September 2011

Ende September

zu klaren wassern
will ich gehen

herbstberge
will ich besteigen

ozeane überfliegen

und wilde hunde
streicheln.

(franz hohler)

Montag, 26. September 2011

Dein Platz


Dort, wo die Abendsonne
nie verlöscht, wo Blätter,
wenn sie fallen,
aufgefangen werden
und die Sterne ihren Glanz
nie mehr verlieren können –
da bist du.

(Vreni Merz)

Sonntag, 25. September 2011

Bitte


Wir werden eingetaucht
Und mit den Wassern der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
Der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Ölzweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
Zu uns selbst
entlassen werden

(Hilde Domin)

Samstag, 24. September 2011

Umwege


Vielleicht gibt es keine Umwege.
Vielleicht sind Umwege Wege,
die wir gehen müssen,
damit wir uns klar darüber werden,
worauf es ankommt.
Haben wir nicht gerade auf den Umwegen gelernt,
was unser Weg ist?
Vielleicht sind alle Wege gleich wichtig.
Unterschiedlich ist nur,
wie wir sie gehen.
Der tiefe Sinn eines jeden Weges
erschließt sich in unserem Herzen.
Alles ist Weg,
wenn du bewusst lebst.
Alles ist Weg.
wenn du nicht stillstehst.

(Ulrich Schaffner)

Freitag, 23. September 2011


Eines Tages


werden wir Körper haben


deren Leichtigkeit die Schmetterlinge neiden


mit einer Vollkommenheit


die die Engel staunen lehrt




wir werden Körper haben


von Licht umschmeichelt


von Sonne durchstrahlt


wir werden lächelnde Weite sein




und wir werden diejenigen sein


die sich zärtlich


an die warme Erde schmiegen


die lustvoll das Wasser umarmen


die lachend im Feuer tanzen


und kraftvoll mit den Winden fliegen




wir werden dazu gehören


unsagbar schön


unendlich leicht




kein Schmerz und keine Narben


kein Hinken und Stolpern


keine Lähmung, kein Sterben


und keine Träne wird mehr sein




und dieses Fest


werden wir feiern


mit all jenen


die uns trotzdem


dennoch oder gerade darum liebten


und unsere Schönheit immer schon ahnten




ein Fest ohne Ende


so ist es uns verheißen




( Bernadette Grabner)

Dienstag, 20. September 2011



Vom Herbst lernen:
loslassen
was ich nicht mehr brauche
frei werden
damit Neues werden kann
ruhen
und wieder bereit werden
geschehen lassen
was unvermeidlich.
- Max Feigenwinter

Montag, 19. September 2011

Sonntag, 18. September 2011

Samstag, 17. September 2011

Die Blätter fallen,
fallen wie von weit, als welkten
in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rilke)

Freitag, 16. September 2011

Die erschreckende Grenze

an der ich immer wieder
doch nur mich
finde, wenn ich dich
liebe.

Als wärest du
ein fremdes Land,
das nie einer
erforschen wird.

und ich
bin es auch.

Vielleicht ist die Liebe
nichts anderes,
als das auszuhalten
und nicht wegzugehen

(Ulrich Schaffner)

Donnerstag, 15. September 2011

In diesem Herbst ist die Zeit fast ohne mich vergangen
und mein Leben stand so still wie damals
Ich bin gekommen und gegangen und hätte
nichts über mich sagen können
Ich nahm mich so ernst daß mir das auffiel
Ich hatte kein Selbstgefühl und kein Gefühl
für etwas anderes
Ich ging und stand unentschieden herum
wechselte oft den Schritt und die Richtung

(Peter Handke)

Montag, 12. September 2011

Zwischen den Jahreszeiten

Der Garten leert sich,
die Vögel ziehen
ihre Stimmen zurück, und
der überwachsene Stein
wird sichtbar.
Ich lerne das Frösteln
wieder,
lehne mich an
die Ziegelmauer,
sehe meinem Atem nach,
der nicht weit kommt,
und denke an den Sommer,
der mich ausstieß,
mich mit Schüttelfrost
winterfest machte
in den Nächten zwischen
den Jahreszeiten,
in denen ich die alten
Buchstaben vergass
und heute
noch nicht schreiben konnte.
Mühsam
beginne ich nun
zu reden,
schaue hinüber zu dir
und warte,
wie nach so langem Schweigen
die Antwort
ausfällt.


(Peter Härtling)

Samstag, 10. September 2011

Don't look now
I'm fading away
Into the gray of my mornings
Or the blues of every night
Is it that my nails

keep breaking
Or maybe the corn

on my second little piggy Things keep popping out

on my face
or

of my life

It seems no matter how
I try I become more difficult
d to hold
I am not an easy woman

to want

They have asked

the psychiatrists psychologists politicians and

social workers
What this decade will be

known for
There is no doubt it is

loneliness

If loneliness were a grape
the wine would be vintage If it were a wood

the furniture would be mahogany
But since it is life it is

Cotton Candy

on a rainy ray
The sweet soft essence

of possibility
Never quite maturing

I have prided myself
On being in the great tradition
    albeit circus
That the show must go on
Though in my community the vernacular is
One Monkey Don't Stop the Show

We all line up
   at some midway point
To thread our way though
   the boredom and futility
Looking for the blue ribbon and gold medal

Mostly these are seen as food labels
We are consumed by people who sing

The same old song STAY:

as sweet as you are

in my corner
Or perhaps just a little bit longer
But whatever you do don't change baby baby don't change
Something needs to change
Everything some say will change
I need change

of pace face attitude and life
Though I long for my loneliness
I know I need something
Or someone
Or . . .

I strangle my words as easily as I do my tears
I stifle my screams as frequently as I flash my smile

it means nothing
I am cotton candy on a rainy day

The unrealized dream of an idea unborn

I share with the painters the desire
To put a three-dimensional picture
On a one-dimensional surface

(Nikki Giovanni)

Dienstag, 6. September 2011

The way of love is not a subtle argument.
The door there is devastation.
Birds make great sky-circles of their freedom.
How do they learn it?
They fall, and falling, they're given wings

(Rumi, from "Birdsong")