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Sonntag, 18. März 2012

Gelegentlich

Gelegentlich 
den Kreis verlassen. 
Das Vertraute, Gewohnte, Liebgewordene loslassen 
und hinaustreten ins Freie und Offene. 
Spüren, wie Begrenzung wegfällt, 
aufatmen, durchatmen. 

Es wird weit und leicht im Herzen. 
Dann 
Schritte ins Neuland 
nichts ist vorgezeichnet, vorgeschrieben, 
der Weg wird mein Weg 
mit jedem Schritt. 

Unter mir die Erde, die trägt, 
über mir der weite Himmel 
vor mir der immer neue lockende Horizont 
und in mir eine Art Kompass, 
auf den ich mich verlassen kann. 

(Bruno Dörig)

Samstag, 17. März 2012

We shall not cease from exploration. 
And the end of all our exploring 
Will be to arrive where we started 
And know the place for the first time. 

(T.S. Eliot)

Freitag, 16. März 2012

Gegen Fernweh hilft nur das Heimweh....


....aus unseren schäbigen, alten Boxen strömen die Lieder
aus vielen, vielen, vielen Jahren direkt in unsere Herzen
ich hab die immer gleichen Losung auf den Lippen
die Welt ist grässlich und wunderschön....

Donnerstag, 15. März 2012


Nichts Schöneres unter der Sonne, 
als unter der Sonne zu sein.

(Ingeborg Bachmann)

Mittwoch, 14. März 2012

dass es die bäume
die schwalben noch gibt
könnte ein trost sein
auch wenn sie das blühen
das fliegen verlernen
und dass wir noch immer
im reglosen schatten
worte mit worten berühren
als fehlte uns nichts

(hans-ulrich treichel)

Dienstag, 13. März 2012

If you have taken this rubble for my past
raking through it for fragments you could sell
know that I long ago moved on
deeper into the heart of the matter

If you think you can grasp me, think again:
my story flows in more than one direction
a delta springing from the riverbed
with its five fingers spread


(Adrienne Rich)

Montag, 12. März 2012

Über dir
Sonne Mond und Sterne

Hinter ihnen
unendliche Welten

Hinter dem Himmel
unendliche Himmel


Über dir
was deine Augen sehen

In dir
alles Sichtbare
und
das unendlich Unsichtbare

(Rose Ausländer)


Sonntag, 11. März 2012

Wenn das Leben alles bietet,
was es zu bieten hat
Wenn es uns lockt,
herausfordert und überfordert.
Wenn es uns rüttelt und schüttelt,
uns mal aufbrechen,
mal zusammenbrechen lässt.
Wenn wir uns ernsthaft fragen,
wer wir sind und
wer wir eigentlich sein wollen.
Wenn wir plötzlich vor Abgründen stehen,
wo wir nie welche vermuteten.
Wenn wir Schätze entdecken,
die wir niemals erträumten.
Dann sind wir
mit Leib und Seele mittendrin
in der Mitte des Lebens.
Und das bedeutet
aufsteigen und abstürzen
und wieder aufstehen.

(Ingrid Schreiner)

Samstag, 10. März 2012

If I’m lonely
it must be the loneliness
of waking first, of breathing
dawns’ first cold breath on the city
of being the one awake
in a house wrapped in sleep


(Adrienne Rich)

Buntes Durcheinander

Dieses bunte Durcheinander
innen
wenn
Vergangenheit
schwerfällig rumliegt
Gegenwart
nervös umherspringt
Zukunft
leise leuchtet
nennt man Leben


(Engelbert Schinkel)



Donnerstag, 8. März 2012

Versöhnung

Wieder ein Morgen
ohne Gespenster
im Tau funkelt der Regenbogen
als Zeichen der Versöhnung

Du darfst dich freuen
über den vollkommenen Bau der Rose
darfst dich im grünen Labyrinth
verlieren und wiederfinden
in klarerer Gestalt

Du darfst ein Mensch sein
arglos

Der Morgentraum erzählt dir
Märchen du darfst
die Dinge neu ordnen
Farben verteilen
und wieder
schön sagen

an diesem Morgen
du Schöpfer und Geschöpf

(Rose Ausländer)

Schon im März....

Schon im März kannst du die Apfelbäume
zwischen Dorf und Berg singen hören: leise und trunken
von Erwartung. Manchmal gehen Bäume zwischen
Stämmen und zählen die Blüten, die es regnet:
Sterntropfen, weiß mit einem goldenen Kern.

(Peter Härtling)

Mittwoch, 7. März 2012

Dienstag, 6. März 2012

Eine einzige Stunde frei sein!
Frei, fern!
Wie Nachtlieder in den Sphären.
Und hoch fliegen über den Tagen
möchte ich
und das Vergessen suchen---
über das dunkle Wasser gehen
nach weissen Rosen,
meiner Seele Flügel geben

(Ingeborg Bachmann)

Sonntag, 4. März 2012

Schritt - Atemzug - Besenstrich

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. 
"Siehst du, Momo", sagte er dann zum Beispiel, "es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man." 

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: 
"Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen." 

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: 
"Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten." 
Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: 
"Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein." 

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: 
"Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste." 
Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: 
"Das ist wichtig." 


(Aus: MOMO von Michael Ende)

Samstag, 3. März 2012

Wanderfrauen

Wanderfrauen

Jede allein draussen,
im Rücken die Kraft der Frauen, lächelnd,
wissend um die Verbindung zu allen anderen.

Vom Frühlingstisch der Sehnsucht aufbrechend,
gehen sie ihrer Wege,
Wanderinnen auf dem Weg in ihre Mitte,
begleitet von Sonne und Mond.

Bereit zu Aufbruch, zu Bewegung,
erfüllt der Blütenregen die Luft mit Freude.

Jung gehen sie Neuem entgegen,
neugierig auf sich selbst,
in jedem Schritt der Beginn einer Heimkehr.

Wüsten sind es, Oasen, Seen,
in denen eine ihrem Leben auf den Grund sieht.

Und immer ist der Weg unter ihren Füssen.

(Cambra Maria Skadé)

Freitag, 2. März 2012

ein tag wie dieser
hat uns noch gefehlt,
wie einstmals viele fehlten,
um hier anzukommen.

und viele fehlen noch.
um satt zu werden,
satt zu sein,
bedarf es mehr.
all das, was berge spein,
wie flüsse schwellen,
weltbrand schwelt.

und immer ist es dieser tag,
ein tag taghell, ein flügel,
der nicht brechen darf,
der uns noch fehlt.


(elisabeth borchers)

Donnerstag, 1. März 2012

Bäume sind Gedichte,
die die Erde
in den Himmel schreibt.

(Khalil Gibran)


Mittwoch, 29. Februar 2012

Flügel

Wir müssen manchmal fallen, damit wir merken,
dass wir Flügel haben.
Mit den Flügeln ist das Vertrauen gemeint,
das Vertrauen in das eigene Leben, dass alles, was uns widerfährt, einen Sinn hat.
Und diejenigen von uns, die am tiefsten fallen, haben die stärksten Flügel.

(Afschin Kamrani)


Dienstag, 28. Februar 2012

.....crazy has places to hide in.....

Wir suchen den Zeitpunkt nicht aus,
zu dem wir die Welt betreten,
aber gestalten können wir diese Welt,
worin das Samenkorn wächst,
das wir in uns tragen.

(Giaconda Belli)

frau-frei

Montag, 27. Februar 2012

Der, den ich liebe
hat mir gesagt
dass er mich braucht

Darum
gebe ich auf mich acht
sehe auf meinen Weg und
fürchte von jedem Regentropfen
dass er mich erschlagen könnte

(B. Brecht)

Sonntag, 26. Februar 2012

set fire to the stars

I may without fail
suffer the first vision
that set fire to the stars

(dylan thomas)
I came to explore the wreck.
The words are purposes.
The words are maps.
I came to see the damage that was done
and the treasures that prevail.

(Adrienne Rich)

Samstag, 25. Februar 2012


Bohr ein Loch in den Sand
sprich ein Wort hinein

sei leise
vielleicht
wächst dein
kleines Vertrauen
irgendwann
gross in die Sonne

(Konstantin Wecker)
It’s well known that he who returns never left,
so I traced and retraced my life,
changing clothes and planets,
growing used to the company,
to the great whirl of exile,
to the great solitude of bells tolling.


~Pablo Neruda