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Montag, 25. November 2013

praktische hoffnung

die hoffnung geht zu fuss
die hoffnung strampelt auf dem rad
die hoffnung fährt mit der bahn

die hoffnung guckt wolken nach
die hoffnung grüsst den mond
die hoffnung findet zeit

die hoffnung verteidigt igel und bäume
die hoffnung versteckt asylanten
die hoffnung kauft im drittweltladen ein

die hoffnung fällt und erhebt sich wieder
die hoffnung steigt über berge
die hoffnung durchschwimmt das meer

die hoffnung bleibt neugierig
die hoffnung entdeckt zusammenhänge
die hoffnung sucht verbündete

die hoffnung kann entbehren
die hoffnung weiss zu geniessen 
die hoffnung schürt das feuer der liebe

die hoffnung kann wütend werden
die hoffnung kann traurig sein
die hoffnung lacht subversiv

die hoffnung kämpft für das recht des anderen
die hoffnung feiert und tanzt
die hoffnung macht zärtlich

die hoffnung hat nichts
die hoffnung will alles

(Kurt Marti)


Im Leuchtfeuer des Abendrots 
verklingen die Furchen der Furcht
Du schreibst an den Rand 
des Horizonts ein Gedicht
Augenblicksstimmung
Zufallsfarben

(Rose Ausländer)

Sonntag, 24. November 2013



Ich lebe in einem leeren Raum,
Überfüllt mit Dingen, die ich längst nicht mehr will.
Es ist November. Die Zeit steht still.
Wie sie nur im November still stehen kann.
Die Dinge reden mich nicht an.
Und erst Nachmittag. Erst gegen vier.
Im dämmernden Draussen dunkel das Tier
Der Seele birgt sich im Baum.
Im Flieder birgt sich die Amsel vor Nacht.
Ich lebe in meinem leeren Raum.
Zur Nacht von der schlafenden Amsel bewacht.

(Eva Strittmatter)

Samstag, 23. November 2013

Life shrinks 
or expands 
in proportion 
to one's courage.

(Anais Nin)

November


Es ist gut, jeden Tag hinter sich zu lassen
Wie fliessendes Wasser, frei von Traurigkeit.
Gestern ist vorbei und seine Geschichte erzählt.
Heute wachsen neue Samen.

(Rumi)

Wind ist gut. Liebe ist gut.
Nacht ist gut. Wenn die Liebe gut ist.
Wissen möchte ich, ob man die Liebe,
Wenn sie einst aufhört, nicht mehr vermißt.

Oder ob sie uns immer bleibt,
Dunkelnd mit uns in dämmernden Jahren.
Ob uns noch das zueinandertreibt?
Werden wir leben und es erfahren.

Jünger fühlt es sich grüner an.
Nichts trifft uns gründlich. Alles ist leicht.
Erst wenn man weiß, daß sie enden kann,
Hat man den Anfang der Liebe erreicht.

(Eva Strittmatter)



Donnerstag, 21. November 2013

I know the bottom, she says. 
I know it with my great tap root: 
It is what you fear.
I do not fear it: I have been there.

Is it the sea you hear in me, 
Its dissatisfactions?
Or the voice of nothing, 
that was your madness?

Love is a shadow.
How you lie and cry after it
Listen: these are its hooves:
 it has gone off, like a horse.

All night I shall gallop thus, impetuously,
Till your head is a stone, 
your pillow a little turf, 
Echoing, echoing.

(Sylvia Plath)

Au milieu de l'hiver, 
j'ai découvert en moi 
un invincible été.

(Albert Camus)

Dienstag, 19. November 2013

Ein Mensch

Lasst ihm seinen Wert und seid's zufrieden.
Glaubt an ihn und seine gute Stunde.
Seine toten, flachen, leeren Tage
tragt, wie er sie trägt - geht vorüber.
O ihr wisst es schon, dass er sich manchmal
martert, dass er sich aus euch zermartert.
Fühlt ihr, seht ihr das, er geht vorüber.
Tiefe Schäden und Gebresten trägt er,
an verlornen Jahren reich wie keiner.
Aber etwas ist in ihm, das sprudelt
wie ein ewiger Quell, ob oft verschüttet.
Und ob dieses Quells voll Lebensperlen
bittet er: Vergebt ihm, was er nicht ist.

(Christian Morgenstern)

Dein Name auf meinen Lippen,
immer am Rande des Rufs,
er darf nicht zu Boden fallen.
Kein Tropfen deines Namens
darf zu Boden fallen.
Ich trage das volle Gefäss
mit Vorsicht.
So leise kann er nicht fallen,
dein Name,
dass nicht der Tag zerbricht.
Und so laut nicht
dass du ihn hörst.

(Hilde Domin)


Türschild

Vorsicht bissige Stille, einzig
ein paar verzogene Jahresringe knarzen,
die Königssuite einer Bruchbude ist dahier
und vierundzwanzig Überstunden hat mein Tag.

(Walle Sayer )

Montag, 18. November 2013

Samstag, 16. November 2013

Du warst so müde
dass ich stumm blieb

Nicht wissend
dass ein Wort
meiner Hände
genügt hätte

(Heinz Janisch)


Und doch, wenn du lange gegangen bist, 
bleibt das Wunder nicht aus, 
weil das Wunder immer geschieht, 
und weil wir ohne die Gnade 
nicht leben können: 
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags, 
du bläst sie lächelnd aus 
wenn du in die Sonne trittst 
und unter den blühenden Gärten 
die Stadt vor dir liegt, 
und in deinem Hause 
dir der Tisch weiss gedeckt ist. 
Und die verlierbaren Lebenden 
und die unverlierbaren Toten 
dir das Brot brechen und den Wein reichen - 
und du ihre Stimmen wieder hörst 
ganz nahe 
bei deinem Herzen. 


(Hilde Domin)

Freitag, 15. November 2013


Tagespensum

Einen Teig geknetet.
Die Katze gefüttert.
In Ecken geleuchtet.
Freundschaft
mit der Stille
geschlossen.
Mit Lesen
Hunger gestillt.
Die Nacht in
Ruhe gewickelt.

(Frauke Ohloff)

Donnerstag, 14. November 2013



Eine Insel erfinden,
allfarben
wie das Licht. 
In seinem Schatten
willkommen heissen
die Erde.
Sie bitten, uns aufzunehmen
in Gärten,
wo wir wachsen dürfen,
brüderlich,
Mensch an Mensch.

(Rose Ausländer)

Mittwoch, 13. November 2013


Was vergangen ist fehlt mir nicht
ich misstraue der Schönheit
von gestern
nur Träume
sind schwer beim Erinnern
wenn die Kälte zunimmt, das Dunkel
und die Leere
zwischen dem Augenblick
und dem Entwurf.

 (Ingibjörg Haraldsdóttir)

Dienstag, 12. November 2013