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Samstag, 29. November 2014

Und wer sagt, 
dass in dem undurchsichtigen Sack Zukunft
nicht auch ein Entzücken steckt?

(Marie Luise Kaschnitz)

Donnerstag, 20. November 2014

Fast ein Gebet

Nun weiß ichs, Liebster. Dieses ist das Glück.
Nach all dem Wirrsal und den irren Fahrten
Blieb uns zuletzt das Beste doch zurück:
Des Abends mit dem Kind auf dich zu warten,

Und klein zu sein mit ihm im kleinen Spiel,
Und in sein Schweigen still hinein zulauschen,
Das Gestern in ein Morgen einzutauschen,
Die Brücke neu zu baun, da sie zerfiel.

Was sie auch nahmen, dieses Eine blieb.
Laß uns dies auch in grauen Stunden wissen.
Herr, gib du allen, die das Schwert vertrieb,
Ein Dach, ein Brot, ein Kind, ein eigen Kissen.

(Mascha Kaléko)

Sonntag, 16. November 2014


Ruhe

Die Traube ist reif, das Feld gepflügt.

Von den Wolken löst sich der Berg.

Auf die staubigen Sommerspiegel
ist der Schatten gefallen,

Zwischen den unsichtbaren Fingern
ist ihr Licht klar
und fern.

Mit den Schwalben zieht
die letzte Mühe. 


(Giuseppe Ungaretti)

Dienstag, 11. November 2014


wind

das leben
aus den angeln
seiner wenn und aber heben und
den wind erwarten

die welt
hängt an der angel
eines einzigen
wortes


(eveline hasler)

Sonntag, 9. November 2014

Montag, 3. November 2014

Vorräte für den Winter:
stille Minuten für mich
ein offenes Herz für dich
schrumplige Äpfel für die Amseln
Tannengrün für das Haus
und ein kleines Gedicht
wie eine Wolldecke
gegen kalte Füsse.

(Carola Vahldiek)

Donnerstag, 23. Oktober 2014


Wir trafen uns
unvorbereitet,
redeten uns
die günstige Jahreszeit
ein.
Du jagtest deine Hunde
voraus,
und wir tauschten
unsere Gesichter.
Wir erfanden ein Zimmer,
in dem wir
über uns herfielen,
glühend
von Sätzen,
die wir uns nicht
sagten.
Wir warfen uns
zwischen Phlox und Oleander,
riefen nach den Hunden,
erlaubten uns nicht
die Schreie, die gewöhnlich
auf unseren Lippen warten,
und schwiegen uns Leben ein.


(Peter Härtling)

Dienstag, 21. Oktober 2014

Montag, 20. Oktober 2014

Ich muss die Fragen 
um ihrer selbst willen lieben 
wie Rilke sagt 
wie verschlossene Räume 
voller Schätze 
zu welchen mein blinder 
tastender Schlüssel 
noch nicht passt. 
und die Antworten erwarten 
wie unversiegelte 
Briefe 
abgeschickt mit zweifelhafter Absicht 
und geschrieben in einer sehr fremden 
Sprache. 
und in stündlicher Erschaffung 
meiner selbst 
ohne durch Gedanken an die Zeit 
den Raum 
zu bedrängen, einzuengen 
in den hinein ich wachse. 

(Alice Walker)

Dienstag, 14. Oktober 2014

Glück

Nichts mehr,
was dich treibt,
nichts mehr,
was dich hält.
Auf den Hügel hinauf
und solange 
nach innen singen,
bis die Stimme
dich aufhebt
und mitnimmt.

(Peter Härtling)

mehr Meer




Sonntag, 12. Oktober 2014

Wenn es eine neue Erde gibt,
möchte ich mir von der alten
den einen Augenblick mitnehmen dürfen,
in dem wir erkannten,
dass wir einander wieder
immer noch lieben.

(Christine Busta)

südwärts


Donnerstag, 9. Oktober 2014

Ich rufe die Wörter 
zusammen, 
sie haben 
kein Fell, kein Gefieder, 
sie haben, wenn 
sie sich im Rudel drängen 
und auf mich warten, 
nur eine dünne Haut, 
die reißt und sie 
blossstellt, 
sobald ich ungeduldig werde 
und sie nicht streichle 
mit meiner Stimme. 

(Peter Härtling) 

Mittwoch, 8. Oktober 2014


Die Erfindung deiner Anwesenheit

sehe dich auf alten Fotos 
kann dich googeln 

finde Artikel 
nichts geht verloren 

niemand kennt deine Adresse 
du wohnst dort 

wo meine vorstellungen 
sich überschlagen 

dort wo du bist 
kann ich alles erfinden 

(Eva Christina Zeller)

Freitag, 3. Oktober 2014


Gelingendes Leben

"Aber heute fürchte ich nichts, heute zeige ich mich freimütig, schutzlos dem Tag, mache die Demutsgebärde des angegriffenen, schwächeren Wolfs, zwinge den Übermächtigen zur Grossmut und wage, mich zu freuen, weil der Morgen frisch und bitter riecht, weil der Himmel makellos ist, weil eine späte rote Rose aufgeblüht ist am schon verdorrenden Busch, weil ich den Tod nicht scheue, weil ich lebe, weil ich auf eine Art lebe, die nur ich weiss und kann, ein Leben unter Milliarden, aber das meine, das etwas sagt, was kein anderes sagen kann. Das Einmalige eines jeden Lebens. Es macht heiter, zu wissen, dass jeder Recht hat mit sich selbst. Schön ist es, älter zu werden, erlöst von sich, von der gewaltigen Anstrengung, etwas zu werden, etwas darzustellen in dieser Welt. Gelassen sich einfügen, irgendwo, wo gerade Platz ist, und überall man selbst zu sein und zugleich weiter nichts als einer von Milliarden. Dies alles, in vielen Worten gesagt, dauert zu fühlen drei, vier Atemzüge lang." 

(Luise Rinser)

Sonntag, 21. September 2014

Sonntag, 14. September 2014

Herbst

Du bahnst dir
den Weg winterwärts
durch buntes Laub
wagst dich einzunisten
im Nebelhaus
anzuhalten zwischen
den Zeiten
dich anzufreunden
mit den Geistern 
der Dunkelheit
am Rande des Tages
aufzulösen
die Töne der Tristesse

(Annemarie Schnitt)

Im Herbst schreiben
über die Vergänglichkeit
der Liebe und
des Lebens

Über die Blätter
die zu Boden fallen
und den Schnee
der sie verbergen wird

Über die Sehnsucht
im Herbst und
über das was weh tut und
nicht schweigen will

Über das schreiben
was tief in uns steckt
und was nicht
gesagt werden kann

Über die Sehnsucht schreiben
und über Liebe
auch wenn es Herbst wird

(Gerhard Rombach)

Sonntag, 7. September 2014


Einfach so
ziehen die Tage dahin
eilig wie die Wolken
die sich türmen
und wieder auflösen
es bleibt dir
ein Geschmack von Glück
auf der Zunge
in den Augen
tanzende Sonnenfunken
im Rücken
ein dich forttreibender Wind
in den Händen ein Feuerstein
als Faustpfand
eingefangener Zeit

(Annemarie Schnitt)

Die Farben der Anemonen
werden bleich

Mach dir nichts vor
es geht zu Ende

Unsichtbare Raubtiere
schleichen
um deine Lebenslust

Angst durchbohrt
deinen Sommertraum

Bald 
blühen Eisblumen

Erfinde
ein Apfellied

(Rose Ausländer)

Samstag, 6. September 2014