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Mittwoch, 18. Januar 2012

älter werden

zögern mitten im satz

nachfragen wenn man glaubt
es verstanden zu haben

es nicht mehr eilig haben
mit dem wissenwollen

einen stein ein glas eine hand
länger festhalten als nötig

den ärmel des gegenüber beim reden berühren
zu spüren man ist noch da

ein buch einen blick eine haut verlieren
und nicht mehr finden wollen

erinnern statt sehnen

den gedanken: das alles ist nach mir noch da
trainieren wie einen muskel

gefühl als wäre jemand im zimmer


(ulla hahn)

Dienstag, 17. Januar 2012

One fine day

One fine day I shall walk with my head held high
My back ever so straight
My strides long and purposeful
As I take my walk
My hips will swing from left to right
With absolutely no thought about cellulite
My breasts will have a dose of sanity
And disobey the laws of gravity
I will carry a large bag
Full of everything I need
For work, for play and for looking good
Everything, that is,
Except money
But who cares?

For on this fine day
I will not be alone
I will be walking with those who do not care
About being a size four, fourteen, or forty
About being eighteen, eighty or eight-nine,
With those who are not bothered
About the difference between Somalia and Somaliland
Nor the distance between Cape Verde and Cape Town

Yet they know about dreams and visions

They know about hopes and aspirations
They know that if you work hard enough
Think big enough
Dream large enough
And live long enough
Dreams do come true
And visions do come to life
And that we don't have to die
Before we go to heaven

On this fine day I will walk

Bag full of this and that
My body responding to the warm caress of the sun
And even if it is cold
I will walk free of all the symbols and signifiers that tell me
I am less than who I am

Those I am walking with will know how I feel
We are walking a road we have all paved together
And it is finally taking us to the places we want to go
together

Oh, how I will enjoy my walk
On this fine day
With all my sisters
And the brothers who would like to join us

(Dame Nita Borrow)



Von den Sehnsüchten der Menschen
singt der Wind ein Lied
von den Träumen der Menschen
schweigt der Sternenhimmel
und jede Schneeflocke

gleicht einer nicht geweinten Träne
die vollkommene Stille
der wir uns nur noch ganz selten stellen
ist erfüllt
von ungesagten Worten

nicht gezeigten Gesten  
verdrängten Liebeserklärungen
unausgesprochenen Verwundungen
in dieser vollkommenen Stille
liegt unsere Wirklichkeit verborgen
deine und meine


 (Margot Bickel)



Montag, 16. Januar 2012

ikarus

das herz randvoll
mit himmel
als die erde
mein raubvogel
immer größer
und dunkler werdend
mich mitten
im flüchtigen traum
schlug

(doris runge)

Still sitzen
nichts tun
der Frühling kommt
das Gras wächst
von alleine.

~Zen

Samstag, 14. Januar 2012

Heal over

immer tiefer



Sag, in was schreibe ich deinen Namen?
In den Himmel?
Der ist zu hoch
In die Wolken?
Die sind zu flüchtig
In den Baum
der gefällt und verbrannt wird?
Ins Wasser
das alles fortschwemmt?
In die Erde
die man zertritt
und in der nur die Toten liegen?
Sag, in was schreibe ich deinen Namen?
In mich und in mich
Und immer tiefer in mich


(Erich Fried)

Freitag, 13. Januar 2012



Manchmal
in seltenen Stunden,
spürst du auf einmal
nahe dem Herzen, am
Schulterblatt schmerzlich die Stelle,
an der uns
wie man erzählt, vor
Zeiten ein Flügel bestimmt
war, den wir verloren.


Manchmal
regt sich dann
etwas in dir, ein Verlangen,
wie soll ich's erklären,
ein unwiderstehliches Streben,
leichter und freier zu leben
und dich zu erheben und
hoch über allem zu schweben. 


Manchmal,
nur einen Augenblick lang -
dann ist es vorbei -
erkennst du dein wahres
Gesicht, du ahnst, wer du
sein könntest und solltest.
Dann ist es vorbei.
Und du bist, wie du bist.
Du tust, was zu tun ist.
Und du vergisst.

(Lothar Zenetti)


Donnerstag, 12. Januar 2012

Man wird wieder
 aus Himmel und Sternen
 Bilder machen
und die Spinnweben
 alter Märchen
auf offene Wunden legen

 (Christian Morgenstern)

Mittwoch, 11. Januar 2012

Alles

Weite im Kopf
Im Herzen Welten
Die Füße auf der Erde
Will ich in die Wolken

Mein Unglück
unbeständig wie das Glück

Werfen möchte ich mich in diesen Wandel
Tanzen und reiten im Augenblick

Vogel werden
Himmel sein
Schwimmend ein Meer

Aber immer gehen wir schlafen
mit Gedanken an kommende Jahre
glauben Alles, Allesallesalles sei für immer so!

Was würde mir fehlen ohne mein Leben?

Das Leben!
Alles!
Allesallesalles!

Könnten doch alle
sich wie Blütensamen
dem Wind anvertrauen
frei von morgen und gestern
wie Blitze in der Dunkelheit

Den Himmel in der Tasche
(Antonia Keinz)

unsere sehnsucht nach welt, unser verlangen nach den grossen und flachen horizonten, nach masten und molen, nach gras auf den dünen, nach spiegelnden grachten, nach wolken über dem offenen meer; unser verlangen nach wasser, das uns verbindet mit allen küsten dieser erde; unser heimweh nach der ferne.

(max frisch)


Dienstag, 10. Januar 2012

alt und neu

Mit alten und neuen
Landschaften
neuen und alten Worten
verlorenen und wiedergefundenen
 Freunden
leben

Blicke deuten

Vor dem Abgrund
die Augen nicht schließen

Sich mit Altem zufriedengeben
protestieren

Endlos
von neuem anfangen

(Rose Ausländer)


Montag, 9. Januar 2012

Gegen den Wind gestemmt
geh ich weiter
mit kleinen Schritten
gegen den Wind
treibt mir Schnee
überlebtes Laub
vor die Füße
ins Gesicht
Gesänge
aus Einsamkeit
und Silberblitzen
Aber 
gegen den Wind gestemmt
geh ich weiter

(Ingrid Olbricht)


Sonntag, 8. Januar 2012

“I love your silence. It is so wise. It listens. It invites warmth. I love your loneliness. It is brave. It makes the universe want to protect you. You have the loneliness that all true heroes have, a loneliness that is a deep sea, within which the fishes of mystery dwell. I love your quest. It is noble. It has greatness in it. Only one who is born under a blessed star would set sail across the billowing waves and the wild squalls, because of a dream. I love your dream. It is magical. Only those who truly love and who are truly strong can sustain their lives as a dream. You dwell in your own enchantment. Life throws stones at you, but your love and your dream change those stones into the flowers of discovery. Even if you lose, or are defeated by things, your triumph will always be exemplary. And if no one knows it, then there are places that do. People like you enrich the dreams of the world, and it is dreams that create history. People like you are the unknowing transformers of things, protected by your own fairy-tale, by love.”

(Ben Okri, Astonishing the Gods)

Samstag, 7. Januar 2012

Die Dinge singen hör ich so gern

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

(Rilke)



Freitag, 6. Januar 2012

was brauchst du? einen baum ein haus zu
ermessen wie gross wie klein das leben als mensch
wie gross wie klein wenn du aufblickst zur krone
dich verlierst in grüner üppiger schönheit
wie gross wie klein bedenkst du wie kurz
dein leben vergleichst du es mit dem leben der bäume

du brauchst einen baum du brauchst ein haus
keines für dich allein nur einen winkel ein dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den freund
die gestirne das gras die blume den himmel


(friederike mayröcker)

Schneckenhausfrau

Donnerstag, 5. Januar 2012


wolken von zärtlichkeit
fangen mich ein,
und das glück beisst
seinen kleinen zahn
in mein herz

(hilde domin)

Mittwoch, 4. Januar 2012

ALIVE

“You live like this, sheltered, in a delicate world, and you believe you are living. Then you read a book, or you take a trip, or you talk with Richard, and you discover that you are not living, that you are hibernating. The symptoms of hibernating are easily detectable: first, restlessness. The second symptom (when hibernating becomes dangerous and might degenerate into death): absence of pleasure. That is all. It appears like an innocuous illness. Monotony, boredom, death. Millions live like this(or die like this) without knowing it. They work in offices. They drive a car. They picnic with their families. They raise children. And then some shock treatment takes place, a person, a book, a song, and it awakens them and saves them from death."
(Anais Nin)

"Man lebt so dahin, geborgen in einer Welt der Empfindsamkeit, und man glaubt zu leben. Dann liest man ein Buch, oder man macht eine Reise, oder man spricht mit Richard und man entdeckt, daß man nicht lebt, sondern in einem Winterschlaf versunken ist. Die Symptome des Winterschlafes sind leicht zu erkennen. Zuerst: die Rastlosigkeit. Das zweite Symptom (wenn der Winterschlaf gefährlich wird und in den Tod übergehen könnte): Fehlen des Vergnügens. Das ist alles. Es sieht wie eine harmlose Krankheit aus. Monotonie, Langeweile, Tod. Millionen leben so (oder sterben so), ohne es zu wissen. Sie arbeiten in Büros. Sie chauffieren einen Wagen. Sie picknicken mit ihren Familien. Sie ziehen Kinder auf. Und dann trifft sie ein Schock, ein Mensch, ein Buch, ein Lied, und weckt sie auf und rettet sie vor dem Tode."(Anais Nin, Tagebücher)
 

Dienstag, 3. Januar 2012

Leben heisst lernen,

 dass wir uns Zeit nehmen müssen,

 wenn wir welche haben wollen;

 dass wir verantwortlich sind

 für Gedachtes und Nichtgedachtes,

 Gesagtes und Nichtgesagtes,

 Getanes und Nichtgetanes;
  
dass der Sinn des Lebens

 darin liegt, immer die Liebe

 und das Leben im Sinn zu haben.



Leben heisst lernen,

 dass es nicht darauf ankommt,

 ob wir uns etwas schenken,

 sondern darauf, ob wir imstande sind,

 uns gegenseitig etwas zu geben,

 dass das Wesen des Lebens

 die Veränderung ist;

 dass wir Liebe säen müssen,

 wenn wir Liebe ernten wollen.



Leben heisst lernen,

 die Kunst der Gelassenheit auszuüben:

 das Weglassen, das Zulassen,

 das Loslassen;

 dass die schwierigste Aufgabe

 unseres Leben darin besteht,

 nie aufzugeben;

 dass unser Mensch-Sein untrennbar

 mit dem Mensch-Werden verbunden ist.



- Ernst Ferstl -


Montag, 2. Januar 2012

let me make this perfectly clear


do not think for one minute
it is the poem that matters.

all i have ever cared about
and all you should ever care about
is what happens
when you lift your eyes from this page.
it is not the poem that matters.
you can shove the poem.

what matters is
what is out there in the large dark
and in the long light,
breathing.
 
 
(gwendolyn macewen)

Sonntag, 1. Januar 2012

Zum Neujahr

Wir wollen glauben
an ein langes Jahr,
das uns gegeben ist,
neu, unberührt,
voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit,
voll Aufgabe, Anspruch,
Zumutung.


Wir wollen sehen,
daß wir´s nehmen lernen,
ohne all zu
viel fallen zu lassen, von dem,
was es zu vergeben hat,
an die, die Notwendiges,
Ernstes und Großes
von ihm verlangen.

(Rainer M. Rilke)

Samstag, 31. Dezember 2011

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/▌*˛˚ ░ ░ٌٌٌ░ Happy New Year 2012 ░░ ░ ˚ . ✰ •
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Richte dich nicht länger nach der Welt. Richte dich nach dem Licht, das in deinem Herzen tanzt. Dann werden deine Augen funkeln, wo andere die Hoffnung verlieren. ~Paul Ferrini~