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Sonntag, 30. Juni 2019




Dieser Sommer

Dieser Sommer lehrt mich 
meine Narben zu lieben 
mich zu schmücken mit Würgemalen am Hals 

Dieser Sommer lehrt mich 
alle Bitterkeit zu verschliessen das macht 
mich schön prall und rund wie gesund 

Dieser Sommer lehrt mich 
bel canto aufzuschrein 

Dieser Sommer lehrt mich 
dass die Einsamkeit in zwei Armen 
ruht und gedeiht 

Dieser Sommer lehrt mich 
einen verfügbaren Körper nicht zu 
verwechseln 
mit dem Verlangen nach Glück 

Dieser Sommer lehrt mich 
ein Wasserspiegel zu sein für jeden Stein 

Dieser Sommer lehrt mich 
riesige Seifenblasen zu lieben und kleine 
bevor sie zerplatzen 

Dieser Sommer lehrt mich 
dass alles ohne einen 
selbst weitergeht 

Dieser Sommer lehrt mich 
ein zufrieden gefrorenes Gesicht 

Dieser Sommer lehrt mich 
ich schlage selbst die Trommel 
wenn ich tanzen will 

Dieser Sommer lehrt mich 
ohne Glück ohne Trauer sekundenlang 
Gottes Bundesgenossin zu sein 

Dieser Sommer lehrt mich 
morgens aufzuwachen. Dankbar. Allein. 

Dieser Sommer lehrt mich 
das Blatt vom Zitronenbaum duftet nur 
zwischen den Fingern zerrieben 

(Ulla Hahn)

Sonntag, 9. Juni 2019


Sensible Wege

Sensibel
ist die erde über den quellen: 
kein baum darf 
gefällt, keine wurzel
gerodet werden

Die quellen könnten 
versiegen

Wie viele bäume werden 
gefällt, wie viele wurzeln 
gerodet

in uns

(Reiner Kunze)


Mittwoch, 5. Juni 2019

Auf-brechen
etwas in mir
bricht auf
löst sich
öffnet sich weit
und erwartend
dem Weg
den Begegnungen

Verwundgebrochenes
noch einmal ansehen
es durch-schauen
und im tröstenden Streicheln 
zarter Bejahung
vernarben lassen

Festen Schrittes neu aufbrechen
wie eine Knospe springt
und aus Narbengewebe
leuchtende Blüten treiben
hoffnungsgrüne Neuanfänge wagen
jeden Tag

(Maria Sassine)

Montag, 27. Mai 2019

Samstag, 25. Mai 2019

Sprich Dein Dankgebet
nicht wie einer der Münzen zählt,
nicht wie einer der argwöhnisch träumt
von Nächten ohne Kissen.

Schenke Dein Dankgebet
wie einen Kuss auf den Wundrand des Tages,
mit einem himmelweiten Herzen 
das den Schmetterling des Morgens lockt.

(Giannina Wedde)

Donnerstag, 16. Mai 2019

nie kommen wir an aber der tag ist der tag der zählt dessen lichtstunden die worte aufblühen lassen am ufer entlang legt der wind flüchtige beete an ein zeiger aus stein und die vergangenheit auf wegrandtafeln längst hat die geschichte ihren glanz verloren nur im wildgelben blütenfeld längs der verpflichtungen wenn der widerstand zwischen den gräser wächst wie ein winziger hoffnungsschimmer und die reisenden ankommen sich ihrem leben hingeben das mehr ist als die sicht bis zur biegung der stunde wenn die blattwellen der wipfel zu einem schwebenden gesang werden bis hin zum horizont und die geäste die rufe bergen die rufe der gräser und vögel die mahnungen zwischen den linien aus saatgut und erträgen wenn die ängste sich einnisten weil es nur im werden bleiben wird aber der tag ist der tag ist dein tag und dein lächeln und deine demut ein beitrag sind aus leiser kraft und behutsamer herzlichkeit


(Hermann Josef Schmitz, http://wortgarage.blogspot.com)

sacred woman i am





Donnerstag, 9. Mai 2019


Warum reisen wir?
Auch dies, 
damit wir Menschen begegnen, 
die nicht meinen, 
dass sie uns kennen ein für allemal; 
damit wir noch einmal erfahren, 
was uns in diesem Leben möglich sei – 
Es ist ohnehin schon wenig genug.

(Max Frisch)

Montag, 29. April 2019


Im Märchenland 
blüht die Poesie. 

Ich suche sie am Traumpfad, 
der mich führt.

(Rose Ausländer)

Mittwoch, 24. April 2019

Dienstag, 23. April 2019

Halte nicht ein bei bei der Schmerzgrenze
Halte nicht ein
Geh ein Wort weiter
Einen Atemzug
Noch über dich hinaus
Greif dir im Leeren
Die Osterblume

(Marie Luise Kaschnitz)

Montag, 22. April 2019

Sonntag, 21. April 2019

Dein Platz

Dort, wo die Abendsonne 
nie mehr verlöscht
wo Blätter,
wenn sie fallen,
aufgefangen werden
und die Sterne ihren Glanz
nie mehr verlieren können
- dorthin gehst du.

(Vreni Merz)

Donnerstag, 18. April 2019

Dienstag, 16. April 2019


Was es sein soll? Ich kann es nicht sagen
Und ich weiss auch: das gibt es gar nicht.
Aber plötzlich ist hinter den Tagen
Noch Zukunft ohne Pflicht.

Und frei von Furcht und Hoffen
Und also frei von Zeit.
Und alle Wege sind offen.
Und alle Wege gehn weit.

Und alles kann ich noch werden,
Was ich nicht geworden bin.
Und zwischen Himmeln und Erden
Ist wieder Anbeginn.

(Eva Strittmatter)

Montag, 15. April 2019

Sonntag, 17. März 2019


neuer tag

auferstanden vom schlaf
gesättigt vom traum
sind wir da
und fordern den tag.

schöneres kann uns nicht blühn
als der baum vor dem hause
des nachbarn
begabter können die sinne nicht sein
als wahrzunehmen
was uns gebührt.

(Elisabeth Borchers)

Donnerstag, 7. März 2019

Frühling werden

frühling werden
im aufbruch des gefiederten herzens
etwas neues beginnen
ohne sicherheit
zwischen der plankenlosen zeit

frühling werden
in der sehnsucht mutiger gedanken
eine tür aufstossen
in eine andere landschaft
ohne auf beständigkeit hoffen zu können

frühling werden
im beginn wacher träume
ankommen im leben anderer menschen
und im wissen um alle
vergänglichkeit und wiederkehr

(Hermann Josef Schmitz)
 http://wortgarage.blogspot.com