.

.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Mut gibt es gar nicht. 
Sobald man überlegt, wo man ist, ist man schon an einem bestimmten Punkt.
Man muss nur den nächsten Schritt tun.
Mehr als den nächsten Schritt kann man überhaupt nicht tun. 
Wer behauptet, er wisse den übernächsten Schritt, lügt.
So einem ist auf jeden Fall mit Vorsicht zu begegnen.
Aber wer den nächsten Schritt nicht tut, obwohl er sieht, 
dass er ihn tun könnte, tun müsste, der ist feig.
Der nächste Schritt ist nämlich immer fällig. 
Der nächste Schritt ist nämlich nie ein großes Problem. Man weiß ihn genau.
Eine andere Sache ist, dass er gefährlich werden kann. Nicht sehr gefährlich.
Aber ein bisschen gefährlich kann auch der fällige nächste Schritt werden.
Aber wenn du ihn tust, wirst du dadurch, dass du erlebst, 
wie du ihn dir zugetraut hast, auch Mut gewinnen.
Während du ihn tust, brichst du nicht zusammen, sondern fühlst dich gestärkt.
Gerade das Erlebnis, dass du einen Schritt tust, 
den du dir nicht zugetraut hast, gibt dir ein Gefühl von Stärke.
Es gibt nicht nur die Gefahr, dass du zu viel riskierst, 
es gibt auch die Gefahr, dass du zu wenig riskierst.
Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füsse.

(Martin Walser)

Sonntag, 11. Mai 2014

Zum Muttertag


Im Dunkeln liegen
ängstlich und traurig
und plötzlich kommt
jemand
und zündet eine Kerze an.
Und die stille Flamme
tröstet und wärmt.

Im Dunkeln stehen,
den Kopf müde gesenkt,
und plötzlich kommt
jemand
und weist zum Himmel.
Und du staunst
über die Vielzahl
der leuchtenden Sterne.

Im Dunkeln liegen,
schlaflos die Nacht
durchweinen,
und plötzlich kommt
jemand
und zeigt nach draußen,
wo über den Dächern
die Morgenröte aufsteigt
und den neuen Tag ankündigt.

Im Dunkeln gehen,
fern von den anderen,
und plötzlich kommt
jemand
und lädt dich ein,
in sein erleuchtetes Haus
und in den Kreis seiner Freunde.

(Ute Latendorf)

Samstag, 10. Mai 2014

Freitag, 9. Mai 2014

If we are strong enough
to be weak enough
we are given a wound
that never heals.

It is the gift
that keeps the heart open.

(Oriah Mountain Dreamer)

Donnerstag, 8. Mai 2014


Go fly a kite

A kite is a victim you are sure of.
You love it because it pulls
gentle enough to call you master,
strong enough to call you fool;
because it lives
like a desperate trained falcon
in the high sweet air,
and you can always haul it down
to tame it in your drawer

(Leonard Cohen)


Sonntag, 4. Mai 2014

Vergiss die
poetische Wahrheit
Es gibt nur
die Wirklichkeit
sagen die Klugen

Vergiss die Wirklichkeit
Es gibt nur die
poetische Wahrheit
sagen die Träumer
der wahren Wirklichkeit

(Rose Ausländer)

Wirklich leben können wir nur in der Niederlage.
Die Freundschaften werden tiefer,
die Liebe erhebt ihr wachsames Haupt.
Sogar die Dinge werden rein.
Die Mauersegler tanzen in der Luft,
im Abgrund heimisch.
Die Blätter der Pappeln zittern.
Nur der Wind ist reglos.
Die dunklen Silhouetten der Feinde heben sich ab
vom hellen Fond der Hoffnung.   Die Tapferkeit
wächst.   Von ihnen sagen wir: sie, von uns: wir,
von mir: du.  Der bittere Tee schmeckt
wie ein Bibelspruch.   Dass uns ja nicht
der Sieg überrascht.

(Adam Zagajewski)

Donnerstag, 1. Mai 2014

Als ich ein Kind war
deckten mich die Nächte zu
Zeltgeborgenheit
Schossdunkles
Auf dem Rücken ruhend
hielt ich Zwiesprache mit
meinem Stern
Was ist passiert
mit den Nächten
Sie schrumpfen
an den Rändern
Verblichen ihre Schwärze
löchrig
voll nagender Angstmotten
das Nachttuch

(Eveline Hasler)

Nimm die Widersprüche
Deines Lebens
Und lege sie dir um
Wie einen Schal
Der dich vor Steinen
Und der Kälte schützt.

(Alice Walker)

Mittwoch, 30. April 2014

Nobody has 
ever measured, 
not even poets,
 how much
 the heart 
can hold.

(zelda fitzgerald)

Sonntag, 27. April 2014



(Mary Oliver)
Der vorbeieilenden Zeit
Fallen stellen.

Lernen, sich auf eine
Kleinigkeit zu stützen.

Jede Eitelkeit vergessen.

Einen unerfüllbaren
Wunsch bewahren.

Dann und wann ein Wort,
das man lange angeschaut hat.


(Walter Helmut Fritz)

Samstag, 26. April 2014

Freiheiten

Das Vertauschen eines Ortes
mit einem andern.
Blicke aus Fenstern
zu verschiedenen Jahreszeiten.
Die Treue zu einer Arbeit,
nach der niemand fragt.
Erdberührungen, leichthin,
im Gehen.
Die Aufgabe falscher Freunde.
Der Zusammenprall, ungeschützt,
mit fremdem Leben.
Das ruhige Eintauchen der Hände
in eiskaltes Wasser.

(Rainer Malkowski)

Freitag, 25. April 2014

Glück ist das lichterlohe Bewusstsein: 
Diesen Augenblick wirst du niemals vergessen. 
Man gleicht einem Film, der belichtet wird 
- entwickeln wird es die Erinnerung.

(Max Frisch)

Das Wachsen von Träumen
macht Angst
als fehlten die Flügel
diese Mauern
zu überfliegen.

(Hilde Domin)

Mittwoch, 23. April 2014

Meine Reisetasche, abgenutzt
in drei Erdteilen:
seit gestern steht sie mitten
im Wohnzimmer.

Dabei habe ich gar nicht vor,
wegzufahren.
Ich wehre mich nur
gegen die Versuchung, zu glauben,
ich sei
schon angekommen –

wehre mich dagegen,
von der Zukunft nichts anderes
zu erhoffen
als die schmerzlose
Fortdauer
der Gegenwart.

(Rainer Malkowski)

Sonntag, 20. April 2014

Freitag, 18. April 2014


Geh und öffne die Tür.
Vielleicht ist draussen
ein Baum oder ein Wald
oder ein Garten
oder die magische Stadt.
Geh und öffne die Tür.
Vielleicht kratzt ein Hund da.
Vielleicht ist da auch 
ein Gesicht oder ein Auge
oder das Bild eines Bildes.
Geh und öffne die Tür.
Wenn da Nebel ist, 
wird er fallen.
Geh und öffne die Tür.
Und wenn da nur 
tickende Finsternis wäre,
und wenn da nur 
ein hohler Hauch wäre,
und wenn da
gar nichts 
wäre,
geh und öffne die Tür.
Zumindest
ein Luftzug
wird sein.

(Miroslav Holub)

Mittwoch, 16. April 2014

Fast Glück


Kann jetzt auf einmal
fast alles wieder
fast alles bedeuten
nicht nur Hartnäckigkeit und Mut
sondern auch fast wieder
noch Hoffnung?
Und kann das wirklich
fast durch Zufall 
und wirklich noch oder fast noch
zur rechten Zeit so gekommen sein?
Und wenn das so sein kann
muss dann nicht auch die Angst
die zum Glück jetzt vor Glück
fast unsichtbar ist
wieder kommen
und muss sie nicht sogar
fast noch grösser werden?
Die Angst daß es wieder verloren gehen könnte
und daß das dann fast nicht zu ertragen wäre.

(Erich Fried)