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Samstag, 24. Mai 2014
An meinen Schutzengel
Den Namen weiß ich nicht. Doch du bist einer
Der Engel aus dem himmlischen Quartett,
Das einstmals, als ich kleiner war und reiner,
Allnächtlich Wache hielt an meinem Bett.
Wie du auch heisst - seit vielen Jahren schon
Hältst Du die Schwingen über mich gebreitet
Und hast, der Toren guter Schutzpatron,
Durch Wasser und durch Feuer mich geleitet.
Du halfst dem Taugenichts, als er zu spät
Das Einmaleins der Lebensschule lernte.
Und meine Saat mit Bangen ausgesät,
Ging auf und wurde unverhofft zur Ernte.
Seit langem bin ich tief in deiner Schuld.
Verzeih mir noch die eine - letzte - Bitte
Erstrecke deine himmlische Geduld
Auch auf mein Kind und lenke seine Schritte.
Er ist mein Sohn. Das heisst: Er ist gefährdet.
Sei um ihn tags, behüte seinen Schlaf.
Und füg es, daß mein liebes schwarzes Schaf
Sich dann und wann ein wenig weiss gebärdet.
Gib du dem kleinen Träumer das Geleit.
Hilf ihm vor Gott und vor der Welt bestehen.
Und bleibt dir dann noch etwas freie Zeit,
Magst du bei mir auch nach dem Rechten sehen.
(Mascha Kaléko)
Mittwoch, 14. Mai 2014
Mut gibt es gar nicht.
Sobald man überlegt, wo man ist, ist man schon an einem bestimmten Punkt.
Man muss nur den nächsten Schritt tun.
Mehr als den nächsten Schritt kann man überhaupt nicht tun.
Wer behauptet, er wisse den übernächsten Schritt, lügt.
So einem ist auf jeden Fall mit Vorsicht zu begegnen.
Aber wer den nächsten Schritt nicht tut, obwohl er sieht,
dass er ihn tun könnte, tun müsste, der ist feig.
Der nächste Schritt ist nämlich immer fällig.
Der nächste Schritt ist nämlich nie ein großes Problem. Man weiß ihn genau.
Eine andere Sache ist, dass er gefährlich werden kann. Nicht sehr gefährlich.
Aber ein bisschen gefährlich kann auch der fällige nächste Schritt werden.
Aber wenn du ihn tust, wirst du dadurch, dass du erlebst,
wie du ihn dir zugetraut hast, auch Mut gewinnen.
Während du ihn tust, brichst du nicht zusammen, sondern fühlst dich gestärkt.
Gerade das Erlebnis, dass du einen Schritt tust,
den du dir nicht zugetraut hast, gibt dir ein Gefühl von Stärke.
Es gibt nicht nur die Gefahr, dass du zu viel riskierst,
es gibt auch die Gefahr, dass du zu wenig riskierst.
Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füsse.
(Martin Walser)
Sonntag, 11. Mai 2014
Im Dunkeln liegen
ängstlich und traurig
und plötzlich kommt
jemand
und zündet eine Kerze an.
Und die stille Flamme
tröstet und wärmt.
Im Dunkeln stehen,
den Kopf müde gesenkt,
und plötzlich kommt
jemand
und weist zum Himmel.
Und du staunst
über die Vielzahl
der leuchtenden Sterne.
Im Dunkeln liegen,
schlaflos die Nacht
durchweinen,
und plötzlich kommt
jemand
und zeigt nach draußen,
wo über den Dächern
die Morgenröte aufsteigt
und den neuen Tag ankündigt.
Im Dunkeln gehen,
fern von den anderen,
und plötzlich kommt
jemand
und lädt dich ein,
in sein erleuchtetes Haus
und in den Kreis seiner Freunde.
(Ute Latendorf)
Freitag, 9. Mai 2014
Donnerstag, 8. Mai 2014
Go fly a kite
A kite is a victim you are sure of.
You love it because it pulls
gentle enough to call you master,
strong enough to call you fool;
because it lives
like a desperate trained falcon
in the high sweet air,
and you can always haul it down
to tame it in your drawer
(Leonard Cohen)
Sonntag, 4. Mai 2014
Wirklich leben können wir nur in der Niederlage.
Die Freundschaften werden tiefer,
die Liebe erhebt ihr wachsames Haupt.
Sogar die Dinge werden rein.
Die Mauersegler tanzen in der Luft,
im Abgrund heimisch.
Die Blätter der Pappeln zittern.
Nur der Wind ist reglos.
Die dunklen Silhouetten der Feinde heben sich ab
vom hellen Fond der Hoffnung. Die Tapferkeit
wächst. Von ihnen sagen wir: sie, von uns: wir,
von mir: du. Der bittere Tee schmeckt
wie ein Bibelspruch. Dass uns ja nicht
der Sieg überrascht.
(Adam Zagajewski)
Donnerstag, 1. Mai 2014
Mittwoch, 30. April 2014
Sonntag, 27. April 2014
Samstag, 26. April 2014
Freiheiten
Das Vertauschen eines Ortes
mit einem andern.
Blicke aus Fenstern
zu verschiedenen Jahreszeiten.
Die Treue zu einer Arbeit,
nach der niemand fragt.
Erdberührungen, leichthin,
im Gehen.
Die Aufgabe falscher Freunde.
Der Zusammenprall, ungeschützt,
mit fremdem Leben.
Das ruhige Eintauchen der Hände
in eiskaltes Wasser.
(Rainer Malkowski)
Freitag, 25. April 2014
Mittwoch, 23. April 2014
Meine Reisetasche, abgenutzt
in drei Erdteilen:
seit gestern steht sie mitten
im Wohnzimmer.
Dabei habe ich gar nicht vor,
wegzufahren.
Ich wehre mich nur
gegen die Versuchung, zu glauben,
ich sei
schon angekommen –
wehre mich dagegen,
von der Zukunft nichts anderes
zu erhoffen
als die schmerzlose
Fortdauer
der Gegenwart.
(Rainer Malkowski)
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