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Freitag, 17. Juli 2015



Längst ist des Halbdunkel
meines Waldes gefällt;
neue Bäume wachsen
aus alten Wurzeln,
dichter Schattenregen.
Nicht mein Dunkel,
nicht meine Vögel,
nicht mein Wild
scheut;
mit vorsichtig ausgestreckten
Händen geh ich
durch die schmalen Stollen
des Tags,
und nur manchmal
stolpert mein Fuß
wie zufällig
über die alte
Wurzel
der Kindheit.

(Stanislaw Jerzy Lec )

Sonntag, 12. Juli 2015


Du bist
unwiderstehlich
Wahrheit
Ich erkenne dich
und nenne dich
Glück

(Rose Ausländer)

Montag, 6. Juli 2015

Sonntag, 5. Juli 2015

Vorübungen für ein Wunder

Vor dem leeren Baugrund
mit geschlossenen Augen warten
bis das alte Haus
wieder dasteht und offen ist
Die stillstehende Uhr
so lange ansehen
bis der Sekundenzeiger
sich wieder bewegt
An dich denken
bis die Liebe
zu dir
wieder glücklich sein darf
Das Wiedererwecken
von Toten
ist dann
ganz einfach

( Erich Fried)



Traumfängerin

Dann
wenn der Tag
sein Lichtgewand
ablegt
und
dein Nachtvogel
mich erreicht

steige ich
auf die Zinnen
der Dächer
durchschreite
Mauern
schwebe
über das
Wasser

und lege mich
sanft
auf deine Augen
bin bei dir

bis der Tag beginnt
du meine
Traumfängerin


(Rea Revekka Poulharidou)

Montag, 29. Juni 2015


Manchmal fühlt sie: Das Leben ist gross, 
wilder wie Ströme die schäumen, 
wilder wie Sturm in den Bäumen. 
Und leise lässt sie die Stunden los 
und schenkt ihre Seele den Träumen. 

( Rainer Maria Rilke )

Freitag, 26. Juni 2015

Dienstag, 23. Juni 2015

Kopfkissengedicht

Dafür, dass du bis in die Fingerspitzen
anwesend bist, dass es dich verlangt,
dafür, wie du die Knie biegst
und mir dein Haar zeigst,
für deine Temperatur
und deine Dunkelheit;
für deine Nebensätze,
das geringe Gewicht der Ellenbogen
und die materielle Seele,
die in der kleinen Mulde
über dem Schlüsselbein schimmert;
dafür, dass du gegangen
und gekommen bist, und für alles,
was ich nicht von dir weiss,
sind meine einsilbigen Silben
zuwenig, oder zuviel.

(Hans Magnus Enzensberger)

Sonntag, 14. Juni 2015

Dieser grosse herrliche Wind,
der Himmel auf Himmel baut;
in sein Land möchte ich gehen und auf seinen Wegen.
Und vielleicht hast Du ihn auch um Dich
in Deinem heimatlichen Garten und siehst am Morgen
sein Bildnis in den Bäumen, die er bewegt…

(Rainer Maria Rilke)

Sonntag, 7. Juni 2015

Seltsam
Dieser Morgen
Der so unentschlossen
Dem Grau
Entwunden
Tagt
Als wolle er
Nicht wirklich sein
Und schlafen
Bis ins Grün
Hinein

(Otto Lenk)

Samstag, 30. Mai 2015



Auswendig lernen möchte ich dich
wie ein Gedicht
Immer wieder lesen
Silbe für Silbe Wort für Wort
zwischen den Zeilen
strophenlang jahrelang lebenslang
dich buchstabieren
mit dem Gaumen des Herzens

(Ulla Hahn)

Mittwoch, 27. Mai 2015

wenn der wind zur ruhe kommt
kommt die stille zurück

da kannst du sie hören

ganze tage. wie sie untergehen
sonderbare sommermorgen
halbherzige abschiede
ungelebte lieben

da kannst du sie hören
wie sie im meer
versinken


(Rea Revekka Poulharidou)

Samstag, 23. Mai 2015

When they ask to see your gods
your book of prayers
show them lines
drawn delicately with veins
on the underside of a bird’s wing
tell them you believe
in giant sycamores mottled
and stark against a winter sky
and in nights so frozen
stars crack open spilling
streams of molten ice to earth
and tell them how you drink
a holy wine of honeysuckle
on a warm spring day
and of the softness
of your mother who never taught you
death was life’s reward
but who believed in the earth
and the sun
and a million, million light years
of being

(J.L.Stanley)

Mittwoch, 20. Mai 2015

Der Ausweg

Es gibt ihn nicht immer,
aber immerhin
öfter, als du gedacht hast.
Natürlich nur dann,
wenn du am Ende bist,
findest du sie,
die schmale heimliche Stelle,
das Schlupfloch, die Hintertür.
Auf der anderen Seite
stehst du geblendet im Freien.
Kaum zu glauben:
an diesem frisch gestrichenen Tag
steht die Geschichte still,
die alte Geschichte.
Niemand brüllt.
Bis zum nächsten Mal.

(Hans Magnus Enzensberger)

Dienstag, 19. Mai 2015


denn eigentlich mag man 
die kleinen dinge:

dass alles noch so aussieht 
wie als man eingeschlafen ist

der geruch des bettbezugs 
und die wärme darunter

wie der linke fuss den rechten berührt, die beine einander

der ersten luftzug am morgen
der durch das geöffnete fenster strömt

der blick hinaus - drei vögel 
im baum und zwei in der luft -

diese fünf und ich
in der morgendämmerung

alle sechs ohne jede ahnung
was der tag bringen wird

(Freitag ist Rosa)

Sonntag, 17. Mai 2015


Auf meinen Wänden 
blühen Bilder 
Poeten dichten 
im Regal 
Ich schaue, lese 
spreche mit den 
schaffenden Gefährten 
Mein kleines Zimmer 
ist ein Riesenreich 
Nicht herrschen will ich 
dienen.

(Rose Ausländer)

Donnerstag, 7. Mai 2015


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Räuberin

Als ich zu dir kam war ich
freundlich und leise
die Erinnerung an ein Mädchen
laut stark und heftig
grub ich mit deinen Fragen aus
vor der Leisetreterin gab es eine
Räuberin Räuberin
mutig und wild

Als ich zu dir kam
vermochte ich nicht zu sprechen
ich war im Zimmer ich sass amTisch
erschrak zu Tode wenn ich mich
äussern sollte von
innen nach aussen kannte ich
keinerlei Wege

(Verena Stefan)